Mönchengladbach. Eine Stadt im Westen Nordrhein-Westfalens mit 260 Tausend Einwohnern. Das wusste ich als Süddeutsche. Ohne wirkliche Sehenswürdigkeiten. Das dachte ich als Weltenbummlerin. Und trotzdem die schönste Stadt der Welt. Das erfuhr ich als Borussin.

Seit ich denken kann, bin ich Borussia-Fan. Die schwarz-weiß-grüne DNA angeboren durch die Leidenschaft meines Vaters zur Fohlenelf. Und trotzdem konnte ich erst kürzlich zum ersten Mal nach Mönchengladbach zu einer Stadionführung pilgern. Und für viele von euch mag das total langweilig klingen, weil ihr vielleicht schon hundert Spiele live erlebt habt und für euch der Borussia-Park schon euer Zuhause ist. Aber für mich war es ein Highlight. Zugegeben: Von der Stadt an sich habe ich mir nicht viel erhofft. Wenn unter den Top20 Sehenswürdigkeiten das Stadion auf Platz 1 steht, ist das vielleicht auch gerechtfertigt. Trotzdem war ich irgendwie aufgeregt. Aufgeregt, wie diese Stadt aussieht, wie die Leute dort sind, was mich dort erwartet, in dem Zuhause, wo ich noch nie war.

Im Auto wurde ich langsam ungeduldig, bis wir die Autobahnausfahrt nach Mönchengladbach nahmen. Ich sah das Stadion schon kurz darauf aus den umliegenden Gebäuden herausragen. Doch erst fuhren wir ein wenig durch die Stadt. Und nein, Sehenswürdigkeiten konnte ich keine entdecken. Aber was mich begeisterte, waren die vielen grünen Graffitis auf den grauen Betonwänden, die Rautensticker auf den Autos oder Borussia-Fahnen, die aus den Fenstern hingen. Eine Fußballstadt eben. Ohne große, beeindruckende Bauwerke, aber mit ganz viel grünem Herzblut in jedem Quadratzentimeter der Stadt. Nicht so groß wie Köln, nicht so viele Sehenswürdigkeiten wie München, nicht so bekannt wie Berlin. Und trotzdem eine wunderschöne Stadt. Zumindest in meinen Augen. Die Stadt ist nicht perfekt, nein, nicht mal annähernd, aber was soll ich sagen: Liebe macht blind. Vielleicht sind es auch einfach die ganzen Bilder in meinem Kopf, die ich mit dieser Stadt verbinde. Die Bilder von jungen Vätern mit deren Kindern, die in der Kurve aufwachsen, Spiele live erleben statt nur in FIFA-Games zu sehen, die lieber ins Stadion als in den Zoo gehen – die den Mythos schon in jungen Jahren in sich tragen. Und ich denke an Bilder von Rentnern, die seit gefühlt 100 Jahren ihren Sitzplatz im Stadion haben und mit dickverglaster Brille abends ihren Enkeln von den Bökelberg-Momenten erzählen. Und dann sind da noch Bilder von Fans, die alle so unterschiedlich sind, und trotzdem alle irgendwie einheitlich, verbunden durch die Raute auf der Brust. Wo sich tausende Leute zusammentun, die ganze Welt bereisen, durch Städte ziehen und ihren Verein unterstützen. Borussia führt zusammen, was eigentlich nicht zusammen gehören kann.

Und ich denke an zwei junge Männer, die sich zu harten Zeiten an einen Müllwagen gehängt haben, und lautstark ‚Die Elf vom Niederrhein‘ sangen und damit durch die Straßen düsten. Wenn man in Krisenzeiten noch lauter die ‚VfL‘-Rufe hört, wenn man sogar noch mehr Leute sieht, die mit Stolz ihr Trikot tragen, obwohl sie zig dumme Sprüche zu hören bekommen, dann zeugt das von einer starken Mentalität der Fans. Fans sind der Wind, der das Segelboot Borussia immer weiter nach oben trieb und treibt. Und ja, natürlich sind wir Fans auch mal sauer, mal enttäuscht von einer schwachen Leistung, die uns das ganze Wochenende versaut. Aber trotzdem halten wir zum Verein. Das ist wie in einer guten Beziehung: Man kann den anderen auch mal scheiße finden, und trotzdem noch genauso stark lieben. Wir lieben den Verein, wir lieben die Klänge aus der Kurve, die uns durchs Leben begleiten. Wir sind stolz, was wir in den vergangenen Jahren geschafft haben. Vom No-Name in Europa zur 1:0-Führung gegen Barcelona. Es war nicht immer leicht, aber es hat uns, und vor allem mir, gezeigt, was man schaffen kann, wenn man kämpft und an sich glaubt. Und das sieht man, wenn man auf seine Brust schaut. Die Raute spiegelt die Geschichte wieder. Und die neuen Erinnerungen. Und auch wenn sich alles ändert, Spieler gehen, Trainer gehen, aber diese Raute hat den Stammplatz in unseren Herzen sicher.