Der Ball schießt über die Torlinie und landet im Netz. Drmic breitet erst die Arme aus, wie ein Überflieger, und rennt mit breiter Brust triumphierend auf die Kurve zu. Als er der Eckfahne näher kommt und die Teamkollegen schon fast bei ihm angelangt sind, springt er in die Luft, fuchtelt mit den Armen umher und wackelt ruckartig mit den Beinen, als ob er sich nach oben abstoßen wolle.

Die Jubelgeste konnte man nach nahezu jedem seiner Tore betrachten. In der Saison 2013/14 traf er in der Bundesliga 16 Mal – damals jedoch noch für den 1. FC Nürnberg. Er war der Starspieler, der Leistungsträger, die Hoffnung der Clubfans und das belebende Element in der Offensive des FCN – und Überflieger.

Juni 2015. Drmic wird als Neuzugang bei Borussia Mönchengladbach vorgestellt. Es herrscht große Vorfreude auf Seiten der Fans auf den talentierten Stürmer mit der vielversprechenden Rückennummer 9. Im Testspiel gegen Stade Rennes traf er zum ersten Mal für die Fohlenelf, sein erster Pflichtspieltreffer gelang ihm gegen die TSG Hoffenheim. Es blieb sein bisher einziger. Demzufolge schwankte auch die Stimmung um Drmic. Der mit großer Euphorie empfangene Offensivspieler ließ nur in wenigen Spielen sein Talent aufblitzen, beispielsweise gegen Sevilla, wo er auch großen Rückhalt von der Tribüne erfuhr. Sonst blieb er unauffällig, bekam nur wenige Einsatzminuten, spielte vor Allem unter Andre Schubert kaum eine Rolle. So wurde aus dem ‚Toptransfer‘ im Juni ein ‚Floptransfer‘ im Oktober, wenn man kurz und knapp die Meinungen der Fans zusammenfasst.

Manche glauben an ihn, an seine Fähigkeiten. Sie glauben daran, dass er Leistungen wie die der Saison 2013/14 auch im Trikot der Borussia auf den Platz bringen kann. Und auch er selbst glaubt an sich: ‚Ich weiß, was ich kann.‘ erklärte er selbstbewusst auf der Pressekonferenz nach seinem Vertragsabschluss. Außerdem beschrieb er sich als ‚zielstrebig‘ und ‚lernwillig‘.

Mit viel Motivation und Tatendrang reiste er im Winter mit dem Team nach Belek, wollte die dortigen Trainingseinheiten zur Eigenwerbung nutzen.Er zeigte sich kämpferisch – nicht zuletzt wegen seiner neuen Frisur: einer Glatze. Sie sollte seine Bereitschaft zeigen, sich voll und ganz dem Fußball hinzugeben, sich den Stammplatz erobern zu wollen und den unbändigen Willen, eine wichtige Säule der Borussia zu werden. Und plötzlich war er wieder da: Der Funken Hoffnung darauf, sich endlich zeigen zu können und sich im Team der Fohlenelf zu etablieren. Kurz darauf wurde er an den Hamburger SV verliehen. Ein Schritt, der ihn wieder auf den langersehnten Weg auf die Erfolgsbrücke bringen sollte. Und er war beinahe auf dieser Brücke, bis Drmic von der Diagnose erfuhr: Knorpelschaden. Die Brücke fiel in sich zusammen. Der Schweizer stand vor dem Nichts. ‚Karriereende droht‘ war in den Medien zu lesen. Ein Schock für den damals 23-jährigen. Doch dann zeigte er sich erneut kämpferisch und versuchte mit dem Satz ‚Ich werde stärker zurückkommen‘ positive Energie in sich frei zu setzen. Es kostet Energie, sich monatelang nur im Kraftraum wiederzufinden, es braucht Geduld, es braucht Kraft, es braucht Willen und Kampfgeist.’Ich bin ein Kämpfer und werde auch diesen Kampf annehmen.‘ meldete er sich auf Facebook nach der Diagnose.

Oktober 2016. Josip Drmic trainierte wieder mit der Mannschaft. Erstmals. Nach einem halben Jahr. Die Freude ist groß. Zwar wird das Comeback voraussichtlich erst 2017 stattfinden, jedoch ist es dennoch ein großer Schritt zurück auf die Brücke des Erfolgs. Drmic hat sich das erarbeitet, dass es ‚jetzt nur noch um Wochen und nicht mehr um Monate geht‘. Und jeder, egal ob er Fan des Stürmers ist oder nicht, freut sich für den Offensivakteur. Und jeder hofft auf ein erfolgreiches Comeback und eine erfolreiche Saison mit ihm auf dem Platz. Zudem blüht die Hoffnung, dass Drmic den gleichen Weg wie Xhaka gehen könnte. Vom vorerst leistungsschwankenden Flop zum absoluten Stammspieler und Leistungsträger. Aber dazu braucht Drmic das Vertrauen des Trainers und auch das will er sich wieder erarbeiten. Dass er nicht sofort wieder in Topform sein wird, ist nach einer solch langen Ausfallzeit verständlich. Automatismen und das nötige Gefühl für Spielsituationen und den Ball müssen wiedergefunden werden. Aber die Stürmer-DNA, das Eiskalte vor dem Tor, das ist ihm geblieben, auch wenn er es kaum im Trikot der Borussia zum Vorschein brachte. Aber dieses Talent bleibt, die Frage ist, was er daraus macht und wann jenes Talent den Durchbruch schafft.

Damals wusste Drmic vielleicht noch nicht so wirklich, was er mit seiner Jubelgeste ausdrücken wollte. Wahrscheinlich war es hauptsächlich eine Aktion der Emotion. Aber mit ein wenig Fantasie spiegelt sich darin seine Karriere und sein Credo, immer besser werden zu wollen, wieder. Beim FCN war er der Überflieger, die breite Brust war Zeichen seines Selbstbewusstseins, der Rücken gestärkt vom vollsten Vertrauen des Trainers. Dann wurde es schwerer, der persönliche Erfolg blieb aus. Aber er arbeitete immer weiter, sprang auf die Leiter zu seinem Hauptziel – mehr Einsatzzeit – und stieß sich mit den Beinen immer ein wenig weiter nach oben. Keiner weiß, wie weit er es noch bis zur Spitze der Leiter hat, aber wenn er sie erreicht hat, kann er ein wichtiger Teil der Borussia werden. Er kann die ganz wichtigen Tore schießen, er kann die gegnerische Defensive so hinspielen, wie er sie haben möchte, er kann seine starke Technik zeigen, er kann die Eins-Gegen-Eins-Situationen jedes Mal für sich entscheiden, er kann die Borussia weiterbringen, er kann wieder jubeln. Und soll ich euch was verraten? Er wird es auch.